Montag, September 27, 2004

Zug fahren mit der Deutschen Bahn

Es ist Sonntag. Bin über das Wochenende bei den Eltern und Freunden gewesen. Da meine Eltern das Auto diesmal brauchen, konnte ich nicht damit nach Dresden fahren. Also, Zug fahren. Was ja im Grunde nicht schlecht ist. Man steigt ein, sucht sich einen schönen Platz, der im besten Fall sauber und am Fenster ist. Dann nimmt man sich ein Buch raus, oder was man so macht um die lange Weile zu überbrücken. Man fährt und fährt und irgendwann ist man dann am Ziel seiner Reise. So der Idealfall.

Heute war es mal anders. Mein Zug fuhr 18:37 Uhr vom schönsten Kleinstadtbahnhof Deutschlands ab. Ich sollte sein und war dann auch gegen 19:28 in Senftenberg. So weit so gut. Ich ausgestiegen, zum Gleis 3, von dort soll ja der Umsteigezug abfahren, gegangen um dort auf den Zug zu warten. Warten. Stille. Kälte. Einsamkeit. Warten. Pullern müssen. Kälte. Die Anzeigetafel, welche sich in einem kaputten Zustand befand, zeigte seit einer guten halben Stunde an, dass es um 19:53 Uhr in Richtung Dresden Neustadt gehen soll. Kälte. Die Batterien von meinem iPod hatte auch genug und verabschiedeten sich.

20:40 Uhr. In der Anzeige flappte die Mitteilung um, dass der besagte Zug, sich um ca. 60 Minuten verspäten wird. Mittlerweile kam die Schaffnerin, die den Zug von irgendwo nach Senftenberg begleitete und machte ihn startklar um ihn in die Stadt zu begleiten, die auf dem Weg lag, von der ich gerade kam. Auf die Anfrage hin, ob sie denn wisse, wann denn der Zug nach Dresden käme und ob er überhaupt kommt, konnte sie mir auch nach einem konspirativen Telefonat mit irgendwem nichts sagen. In der Zwischenzeit kam der Zug, der eigentlich kurz nach dem Anschlusszug kommen sollte. Der fuhr aber in Richtung Falkenberg. Blöd. Wann der Zug nach Dresden kommt wusste somit immer noch keiner. Aus diesem Zug kam auch kein Schaffner oder Rin, niemand.

Nach einer Weile kam eine Gestalt mit angewinkeltem Arm. Sie telefonierte. Die Schaffnerin des nach Falkenberg fahrenden Zuges. Sie sah unsere frierenden Körper und telefonierte erstmal pflichtbewusst zu Ende. Ich fragt die andere Schaffnerin die in die andere Richtung fuhr ob sie nun mehr wüsste. Sie schaute mich an und wusste also nichts. Daraufhin sagte die nach Falkenberg fahrende Schaffnerin, warum wir sie nicht fragten, sie wüsste nämlich warum und wieso der Dresdner Zug nicht kommt. Ein Stromkabel, welches dazu da ist, damit die Bahn fahren kann, hat sich gelöst und hängt auf den Schienen. Somit kann dort erstmal der Zug nicht lang und muss über eine andere Strecke umgeleitet werden. Aha. Sie bat uns auch, erstmal solange in dem Zugabteil Platz zu nehmen um uns aufzuwärmen. Sie würde erstmal alles klären. So ging sie erstmal zu den Bahnhofsdamen in Senftenberg. Nach einer Weile kam sie dann, wieder mit dem Mobiltelefon am Kopf. Sie war stink sauer. Sie meinte, sie müsse jetzt in Ruhland anrufen um dort mit den Leuten zu sprechen. Der Bahnhof dort wäre zwar häßlich wie die Nacht aber die Leute dort super in Ordnung, was sie von den Damen in Senftenberg nicht sagen kann.

Wir warteten also noch immer. Mit "wir" meine ich eine kleine Gruppe Reisender die sich in der Not zusammen gefunden haben, um gemeinsam DAS durchzustehen. Man entwickelte dann schon Galgenhumor. Und es fielen sinnreiche Sprüche wie, "Die Hoffnung stirb zu letzt" und so was. Die Schaffnerin, Frau Rudolf, wie wir später erfuhren, legte den "Hörer" auf und scheuchte uns wie eine Mutti in den Zug und wären sie das tat, sagte sie, dass wir erstmal bis Ruhland mitkommen können, alles weitere klärt sie dann noch per Telefon. Wir rannten wie die Kinder einer Mutter rein in das Zugabteil und es war warm. Wie schön ist es, wenn es warm ist. Wir saßen erstmal und waren in verzweifelter Gewissheit: Uns wird geholfen. Mittlerweile ist es schon 21:23 Uhr. Ich bin dann erstmal pullern gegangen, sonst wäre ich geplatzt. Als ich wiederkam, telefonierte sie noch mal. Und auf einmal der Lichtblick. Sie wiederholte, "er wartet in Ruhland? Vielen Dank. Wie war dein Name, die Leute würden es gerne wissen, die sind echt stolz auf dich. Wenn ich bei dir wäre, würd ich dich zu Boden knutschen". Ein Stein fiel mir und sicherlich auch den anderen Mitreisenden vom Herzen. Für eine Sekunde wollte ich Beifall klatschen aber ich merkte, dass ich nicht in einem schlechten Amerikanischen Film sondern im Zug der Deutschen Bundesbahn sitze.

Frau Rudolf sagte uns dann noch mal, dass der Anschlusszug in Ruhland auf uns wartet und das ihr Kollege bestimmt "brökelt" aber das ihr das egal sei. Ich bedankte mich im Namen aller bei ihr. Und wünschte mir, dass wenn mir so was noch mal passiert, Frau Rudolf da sein soll. Vielen Dank Frau Rudolf und Frau Scharner, die in Ruhland angerufen hat um dem Schaffner zu sagen und es zu regeln, dass der Zug nach Dresden warten soll. Auf uns. Vielen Dank an die beiden.

Und vielen Dank an die Damen oder Herren in Senftenberg. Sie scheinen sehr überlastet zu sein. Daher kann ich es verstehen, wenn man keine Durchsagen macht oder die Anzeigetafeln mal aktualisiert, um den Reisenden zu informieren. Ich wähle Senftenberg zu den schlechtesten Bahnhof Deutschlands. Häßlich und das Personal völlig umkompetent.

Als ich in Dresden ankam, war es 22:39 Uhr.


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-Wherever you are, have a nice day-

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